NewsÜber michMusikDownloadsTexteBlog

26. Jan. 2014: Onno Viets und der Irre vom Kiez

DIe Ausstrahlung des Hörspiels nach dem gleichnamigen Roman von Frank Schulz auf NDR info mit meiner Hörspielmusik. Am 4. Feb. wird das Hörspiel auch im Hamburger Planetarium zu hören sein.

26. Feb. 2014: Pasted! in MDR Figaro und kulturradio vom rbb

Das Feature Pasted! Wir sind die Zukunft der Musik wird am 26. Februar 2014 um 22 Uhr auf MDR Figaro und um 22:04 Uhr auf kulturradio vom rbb gesendet.

24. März 2014: räuber.schuldengenital

Hörspiel von Ewald Palmetshofer um 23.05 Uhr auf WDR3

30. März 2014: Flughunde

Deutschlandradio Kultur sendet um 18:30 Uhr das Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Marcel Beyer


Klang Hören

David Sylvian's Manafon and Lars von Trier's Antichrist

Als ich neulich Lars von Triers Antichrist sah, musste ich an David Sylvians Album Manafon und dessen Artwork denken, das auf seltsame Weise mit von Triers letzten Film korrespondiert. In Antichrist gibt es drei Tiere, die von Sternenkonstellationen repräsentiert werden und Trauer, Schmerz und Verzweifelung symbolisieren: Reh, Fuchs und Rabe. Das Reh ist das erste Tier, dem die männliche, von Willem Dafoe verkörperte Figur auf dem Weg zu einer im Wald versteckten Hütte namens Eden begegnet, in die sich er und seine Frau zurückziehen wollen, nachdem das gemeinsame Kind bei einem Unfall verunglückt ist und schwere Schuldgefühle auf der Mutter lasten. Das Reh trägt eine Totgeburt mit sich und verschwindet schließlich im Dickicht - es ist nicht das letzte Mal, dass das Reh in dem Film erscheint. In der schockierenden Szene gegen Ende des Filmes, in der sich Charlotte Gainsbourgs Charakter mit einer Schere die Klitoris abschneidet, blendet von Trier noch ein Mal zurück zur Schwarzweiß-Eröffnung des Films, in der der Sohn des Ehepaares aus dem Fenster fällt, während die Eltern miteinander schlafen. Im Unterschied zur ersten Szene können wir dieses Mal ein Reh erkennen, das hinter dem Jungen im Fenster steht, während er in Super-Zeitlupe in den Abgrund fällt.

 

 


 

 

 

Antichrist ist voller rätselhafter Symbole, die in ihrer Fülle unmöglich zu dekodieren sind, was offensichtlich auch nie die Absicht von Lars von Trier war, wie er in einer „Thesis“ zum Film erläutert: Ein Film handelt nicht davon, was ein Regisseur über die Welt denkt. Anstelle dessen liefert von Trier eine stilisierte Bilderfolge mit teils an Werbeästhetik, teils an Splattermovies erinnernden Szenen, die mit keiner inhärenten Logik und voll unbewusster Assoziationen der Geschichte folgen. In ähnlicher Weise webt David Sylvian auf seinem letzten Album Manafon an einem Netz aus bilderreichen und surrealen Songtexten, die in wunderschönen Melodien verpackt von einer mysteriösen, fremdartigen Instrumentierung umrankt werden - freien Improvisationen, die in unvorhersehbarer und doch folgerichtiger Weise um die Gesangslinien Sylvians herum wachsen, wie das Reh, das auf dem Cover von Manafon im Dickicht des Waldes lauert. Die Natur erscheint als ein Bild mit gesättigten Farben, eine surreale Landschaft der inneren Imagination, ein Ort der Einsamkeit und unbekannter Gebiete, der versteckten Gefahren und verstörenden Facetten der menschlichen Seele. Willem Dafoes Figur, der Psychologe, steht in diesem Wald, verwirrt und ohne Erklärung, nachdem er dem Reh mit der Totgeburt begegnet ist.

 

 


 

 

 

Antichrist und Manafon beschäftigen sich auf ihre je eigene Weise mit dem Glauben und der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes. David Sylvian hat seine Musik im letzten Jahrzehnt nach und nach von jeglicher vorhersehbarer rhythmischer Struktur und harmonischer Grundlage befreit (sieht man vom Nine Horses Projekt ab) und spiegelte damit eine tiefe innere Krise wider, unter der er litt. In einer Unterhaltung mit Marcus Boon sagte er: „Wenn wir mit dem Track Manafon beginnen, schauen wir auf die Beschreibung eines Mannes, eines gläubigen Mannes, der mit diesem Glauben kämpft, der eine Ordnung der externen Welt auferlegt in der Hoffnung, sie innerlich zu finden. Ein Mann, der die Moral und die Werte seines Glaubens annimmt, der aber gleichermaßen mit der Stille kämpft, die in seinem Herz und seinem Geist brennt, Gottes Schweigen.“ Und dann später: „ Ich mag den Zustand der Hoffnungslosigkeit. Hoffnung kann einem leicht in die Quere kommen. Sie tendiert dazu, dich aus der Gegenwart zu nehmen hin zu einem Ideal. Ohne Hoffnung zu leben, aber ohne einen Verlust an Liebe für das Leben... das scheint mir ein guter Ausgangspunkt zu sein.“ Hier einige Zeilen aus „Snow White in Appalachia“:

And there is no maker
just inexhaustible indifference

and there’s comfort in that

so you feel unafraid

Und in „Small little Gods“ singt er:

I’ve placed the Gods
In a zip-lok bag

I’ve put them in a drawer

They’ve refused my prayers

 

 

David Sylvian "Small Metal Gods" from Samadhisound on Vimeo.

 

 

 


 

 

Und schließlich kommt beim Betrachten des „Small little Gods“ Video wieder die Anfangssequenz aus Antichrist in Erinnerung, mit der Superzeitlupe und der Schwarzweiß-Ästhetik, die den perfekten Kontrast zu den satten, grünen Farben der Natur bildet, die angenehme, umarmende Wärme und Schwere des Waldes, von dem der Psychologe glaubt, sie würde seine Frau von ihren Schuldgefühlen heilen aber tatsächlich zum Ausbruch des Bösen schlechthin führt.

 

Lars von Trier's Antichrist - Official Trailer from Zentropa on Vimeo.

 

 


 

 

Jetzt werden die diametral entgegengesetzten Blickwinkel deutlich, mit denen beide Künstler ihren eigenen Zweifeln und Ängsten begegnen. David Sylvian zieht Gewinn aus der Entfremdung, in der er seine Stimme im Kontext der freien Improvisation stellt, der Spannung, die zwischen kontrolliertem Element seines außerordentlichen Gesangs und der Unbestimmtheit und Unvorhersehbarkeit des instrumentalen Gewebes, das er um seine Stimme spinnt, entsteht. Die Freiheit der Improvisation und die Indeterminiertheit hat eine Richtung, wir können uns in dieser seltsamen Klangwelt einfinden und die Fremdheit akzeptieren. Lars von Triers Welt hingegen ist bar jeglicher Zeichen von Hoffnung. Der Horror ist unvorhersehbar und irrational, die Natur ist das Böse, in der das Chaos herrscht. Während Sylvians Musik eine tröstende Dimension haben kann, verursachen von Triers Filme die stärksten und verstörendsten Reaktionen. In einer Director’s Confession gestand er ein, dass er 2007 an einer Depression litt und das Drehbuch zu Antichrist als eine Art Therapie nach seiner Krise schrieb. Seine Bilder stammen aus seinen unerträglichen Ängsten und Träumen, die er später „frei von innere Logik und dramatischem Denken“ zum Antichristen montierte. Das Thema der Misogynie (Frauenfeindlichkeit) schien für ihn ein Vehikel zu sein, um einige der dunkelsten Seiten der menschlichen Seele freizulegen. Heidi Laura, die als Misogynie-Beraterin von Trier zur Verfügung stand, bekräftigte diesen Standpunkt: „die dunklen Schatten der Zivilisation verdienen es, gesehen und reflektiert zu werden, anstatt dass man sie ignoriert.“ Beide Werke, David Sylvians Manafon und Lars von Triers Antichrist, überschneiden sich zufällig in ihrem Gebrauch einer gewissen Bildersprache und bestimmter Symbole wie dem Wald und dem Reh, doch obwohl sich die Bilder in beiden Fällen ähneln, könnte deren symbolische Bedeutung nicht verschiedener ausgefallen sein.




Kontakt
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren




kein spam, nicht mehr als zwei Newsletter im Jahr