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Stuart Sim – Manifesto For Silence

In Kairo, der größten Stadt des afrikanischen Kontinents, erreicht der Geräusch-Pegel zwischen 7 Uhr morgens und 10 Uhr abends durchschnittlich 85 Dezibel, an zentralen Plätzen gar beeindruckende 95 Dezibel, wie die New York Times neulich berichtete. Für Stuart Sim, Professor für kritische Theorie am Department of English Studies der Universität von Sunderland, ist diese Meldung eine weitere Bestätigung für die zunehmende Lärmverschmutzung unserer Umwelt. In seinem Buch „Manifesto for Silence“ trägt er die Indizien für diesen Prozess zusammen und fordert einen radikalen Wechsel in der „Politik und Kultur des Lärms“. Seiner Meinung nach befördern neoliberaler Kapitalismus und aggressive Marketing-Kampagnen eine „rauhe Form des Hedonismus, die auf Alkohol und Popmusik basiert“ und das Leise und Stille auf verlorenem Posten hinterlässt. Die Tugenden der Stille, wie sie in der Religion, Philosophie, den Künsten und der Literatur eine wichtige Rolle spielen, laufen nach Sim Gefahr, verloren zu gehen und er legt in vielen Beispielen dar, wo die Bedeutung der Stille in unserer kulturellen Entwicklung zu finden ist. In vielen Fällen mag man Sim’s Kampagne für Stille zustimmen, sind wir doch alle immer wieder betroffen von zu lauten Nachbarn oder dem permanenten Verkehrslärm der Großstädte. Aber wer will entscheiden, welcher Lärm gut und welcher schlecht ist, denn am Ende lauert hinter der berechtigten Ablehnung einer zu lauter Umgebung eine moralische Frage. Nach Sim sind natürliche Klänge jenseits jeglichen Zweifels, während menschliche Geräusche zu ungewollten Lärmverschmutzungen zählen: „Some human activities are more valuable than others and (…) we run the risk of losing those if popular culture is allowed to prevail unhindered. If that happens then the lowest common denominator rules and the bad drives out the good, unless someone speaks up unequivocally on behalf of the good.“ Demnach ist Rockmusik mit Sicherheit auf der schlechten Seite genauso wie die gesamte Popkultur mit ihrem aufgestachelten Konsumverhalten, und man fragt sich unweigerlich, wie eine Gesellschaft denn aussehen würde, wenn seine Politik der Stille in Kraft gesetzt werden würde. Sim’s Manifest bleibt schwammig, wenn es um konkrete Vorschläge geht, wie beispielsweise die Lärmbelastung durch das moderne Transportwesen eingedämmt werden könnte und verliert sich in moralischen Ansichten, wenn es um den Gegensatz von Natur und Technologie geht. Seit der Einführung der akustischen Ökologie durch Murray Schafer in den späten 1960er Jahren gibt es ein romantisiertes Konzept der Natur als ein reiner und unschuldiger Ort. Tatsächlich müssen viele Tierarten ihre akustische Kommunikation dem gesteigerten Lautstärkepegel der menschlichen Zivilisation anpassen (wie hier nachzulesen). Viele vergessen aber auch, dass auch die Natur die Ursache von gewaltigem Lärm sein und den Alltag von Menschen akustisch stören kann (wie diese Anekdote belegt). Stuart Sim’s Manifest verfehlt es am Ende, eine größere Leserschaft für seinen Standpunkt einzunehmen, weil er besonders jene vor den Kopf stößt, die sich an sozialer Interaktion oder einfach dem Fest des Lebens erfreuen – oder wie es einer von Kairo’s Straßenhändler ausdrückte: „Das Leben ist halt so“: der Lärm ist die Ursache und die Reaktion zur gleichen Zeit auf die Lebensumstände in der modernen Gesellschaft.




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